SCHÜLER:INNEN-EXPERIMENTE

Die Klasse ist nicht fokussiert. Diese Mathe-Aufgabe ist wohl zu schwer. Das liest die Lehrerin von ihrem Tablett ab, welches mit den Stirnbändern der Schüler verbunden ist. Diese Stirnbänder sollen die die Gehirnwellen in Echtzeit messen und leuchten rot, gelb oder blau. „Rot bedeutet du bist fokussiert“, erklärt ein Kind, „Blau bedeutet du bist abgelenkt“. Nach dem Unterricht bekommen die Eltern eine Meldung, ob ihr Kind heute konzentriert dem Unterricht gefolgt hat oder nicht, auf ihr Smartphone geschickt. Das ist keine Szene aus einem schlechten ScienceFiction-Film, sondern ein reales Experiment des US-Start-ups BrainCo, einer Ausgliederung aus dem Innovation Lab der Harvard University, das die Stirnbänder entwickelt und diese 2020 an chinesischen Schülern getestet hat. Das Programm soll gerade Lehrer.innen, die neu auf dem Gebiet sind, helfen, die Aufmerksamkeit der Klasse einzuschätzen. In der dritten Septemberwoche wurde BrainCo mit dem BigBrotherAward 2020 des Vereins Digitalcourage in der Kategorie Bildung ausgezeichnet. Allerdings sind die „Oscars für Datenkrake“ ein NegativPreis für Firmen, Organisationen oder Politiker.innen, die sorglos mit Daten anderer umgehen. Im BrainCo-Projekt ginge es um „Dressur statt Bildung“. Die Einsatzgebiete China und USA mögen weit weg erscheinen, doch „ausgezeichnet“ wurde auch der Leibniz-Wissenschaftscampus der Uni Tübingen. Auch hier sind die Forscher.innen überzeugt, per EEG (Elektroenzephalografie, zum Beispiel das Stirnband) Konzentration messen zu können. Hier tragen aber zusätzlich noch die Pupillen zur Messung bei. Der Titel des Forschungsprojekt lautet „Eine kognitive Schnittstelle zur Verbesserung des Unterrichts: Analyse der Aufmerksamkeit im Klassenzimmer“. Das bedeutet diese Ergebnisse helfen einem System dabei das ideale Lernprogramm für jeden Schüler zu finden. Damit dieser weder unter- noch überfordert ist. So ließen sich zum Beispiel angepasste Schulbücher herstellen. Digitalcourage kritisiert jedoch die „Gängelei“, die „Bevormundung“ und das „Kleinhalten in der Mittelmäßigkeit“. Außerdem schreiben sie über die beiden Preisträger, dass man Konzentration nicht zu einer maschinell überprüfbaren Leistung machen könne. Es gibt noch weitere Kritik: Gerade der EEG ist anfällig für Fehler, angefangen mit der Tatsache, dass Muskelbewegungen im Gesicht das Ergebnis verfälschen. Bedenkenswert ist außerdem, dass die Forschung im reinen Frontalunterricht betrieben wurde, der als pädagogische Methode der Vergangenheit angehören sollte. In Reihen sitzende Kinder, die alle nach vorne schauen und lediglich dem Lehrer zuhören müssen, sind leider viel leichter zu messen, als solche, die ab und zu Aufgaben vielleicht auch in der Gruppe zu machen haben. In China wird jedoch schon von viel höherer Konzentration der Schüler berichtet. Das Gefühl von Überwachung ist schließlich da, ob die Technik funktioniert oder nicht. Dort müssen dieses Stirnband sogar schon Angestellte mehrerer großer Firmen tragen. Sind die Ergebnisse dieser Stirnbänder also schon ein Faktor, der eventuell über die Suspendierung entscheidet? In der Hirnforschung weiß man mittlerweile aber schon, das Gehirn braucht neben Phasen der Konzentration auch Phasen der Entspannung, in der man die Gedanken schweifen lässt und in denen vermutlich die meisten bahnbrechenden Ideen gekommen sind, bei denen das EEG jedoch Alarm geschlagen hätte. Was meint ihr, sollten wir uns am Gyko ebenfalls solche Stirnbänder anschaffen?

John Dittert